Gefährliche Gedankenlosigkeit trotz schrecklicher Unfälle
Thema: Geschwindigkeit
Bei manchen Terminen fasst man sich
verstohlen an die eigene Nase, wenn man sieht, wie viele Autofahrer kräftig
gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen. So auch wieder gestern, bei der
Großkontrolle der Bayreuther Polizei vor dem Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium
und am Luitpoldplatz - dort, wo sich zur Mittagszeit Hunderte von Schülern
tummeln, die nur eines wollen: nach Hause.
Ein gefährlicher Wunsch, wenn er auf die Gedankenlosigkeit von Autofahrern
trifft, die sich eben nicht an die Regelung erinnern, dass sie an
Schulbushaltestellen das Tempo auf Schrittgeschwindigkeit zu reduzieren haben.
Schrittgeschwindigkeit heißt Schrittgeschwindigkeit und nicht etwa 20 oder 30
Stundenkilometer, die vielleicht genügen würden, wenn man an einer normalen
Stadtbushaltestelle die gesetzlich vorgeschriebene "angemessene Vorsicht"
walten lässt. Sobald der Warnblinker bei Bussen an der Haltestelle angeht, heißt
das nicht mehr und nicht weniger: runter vom Gas.
Es ist erschreckend, dass offensichtlich kein Autofahrer auch nur ansatzweise
Lehren aus den zwei schrecklichen Unfällen in den vergangenen beiden Wochen
gezogen hat: Ein Mädchen starb beim Überqueren der Bundesstraße bei Obernsees
auf dem Weg zur Bushaltestelle. Ein 14-jähriger Bub schwebt in Lebensgefahr,
seit er bei dem Versuch, die Ludwig-Thomas-Straße in Bayreuth zu überqueren,
von einem Auto angefahren und von einem zweiten überrollt wurde. Die Hintergründe der
Unfälle mögen nicht unmittelbar mit der Schulbusproblematik zusammenhängen
und unter anderen Umständen passiert sein - dennoch: Es wird weiter gerast.
Es ist erschreckend, dass es Autofahrer gibt, die ihr Tempo gar nicht erkennbar
reduzieren, wenn sie einen Schulbus überholen - nicht selten haben sie gerade
selbst ihre Tochter oder ihren Sohn von der Schule abgeholt. Ein gedankenloses
Verhalten, das fahrlässig Gesundheit und Leben von Mitschülern ihrer eigenen
Kinder gefährden könnte. Sicherlich: Es gibt da keine spezielle Gruppe von
Autofahrern, die nicht bremst oder zu viel Gas gibt. Wir alle, oder zumindest
die allermeisten von uns, haben sich schon zu sehr an die Festung Auto gewöhnt,
die uns zum stärksten Verkehrsteilnehmer macht.
Das ist die eine Seite. Die
andere Seite ist die, dass wir uns offenbar gar nicht mehr gestatten, uns im
Straßenverkehr Zeit zu nehmen. Mobilität gibt Zeitgewinn - eine
Milchmädchenrechnung. Denn wer mitschwimmt kommt genauso schnell an sein Ziel
wie der, der in der Stadt überholt und meint, mit mehr Speed Zeit
herauszuschinden. Wer mitschwimmt und aufpasst, wer Rücksicht nimmt, fährt
entspannter und souveräner.
Wer das Risiko minimiert, gewinnt Zeit. Denn wenn uns die Polizei wegen unserer
kleinen Sünden anhält, kostet das Zeit und Geld gleichzeitig. Wer aus Stress
heraus einen Unfall baut, im schlimmsten Fall einen Radler oder Fußgänger
verletzt oder gar tötet, hat ein Problem, das ihn Zeit seines Lebens verfolgen
wird. Ein Problem, das auch mit Geld nicht aus der Welt zu schaffen ist. Fassen
wir uns alle an die Nase: Fehlerfrei ist keiner im Straßenverkehr. Aber
Gedankenlosigkeit ist ein Fehler, den man vergleichsweise schnell ausmerzen kann.
Eric Waha

