Für Radarkontrollen nicht "extrem" genug

Ersuchen um Tempobemessung abgewiesen - Keine Schilder

Schnelle Beine und gute Augen haben muss, wer die Bundesstraße bei Oberwaiz überqueren will, um zum dortigen Bushäuschen zu gelangen. Verkehrsteilnehmer werden nicht auf die Haltestelle hingewiesen, weder hier noch in Obernsees noch an vielen anderen Stellen. Foto: Ritter Bayreuth/Obernsees
Der tödliche Unfall auf der Staatsstraße bei Obernsees wird die Fachbehörden in der kommenden Woche weiter beschäftigen. Bei einer Ortsbesichtigung werden sich die Vertreter mit der Frage beschäftigen, wie die Situation insbesondere für Fußgänger entschärft werden kann.

Petra Bräutigam ist ziemlich verärgert: Bereits 1995, erklärte die Obernseeserin gestern im Gespräch mit dem KURIER, habe sie den Mistelgauer Bürgermeister auf die "Raserei" auf der Staatsstraße hingewiesen und gefragt, ob nicht die Haltestelle verlegt werden könne. Johann Feulner habe ihr zwar zugesichert, ihr Anliegen weiterzugeben, aber auch beteuert, dass es "nicht an ihm liege". Geschehen sei nichts, obwohl sie mehrmals vorgesprochen habe.

"Nicht extrem genug"

Auch eine Anfrage Bräutigams beim Landratsamt blieb erfolglos. Stattdessen habe man sie an die Polizei verwiesen. Doch auch dort hatte ihr Hinweis, dass auf der Staatsstraße, besonders in den Morgenstunden, ziemlich schnell gefahren werde, keine Konsequenzen. Auf ihre Bitte, doch hin und wieder Radarkontrollen durchzuführen, habe man ihr geantwortet, dass die Strecke bei Obernsees "nicht als extrem eingestuft" sei. Trotzdem werde sie ihr Anliegen, eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 60 Stundenkilometer und ein Überholverbot zwischen der Rupertuskapelle und Truppach, weiterverfolgen. Mit ihren Forderungen stehe sie in Obernsees nicht allein. Vielleicht, hofft sie, ergreift jemand, vielleicht ein Gemeinderat, die Initiative und startet eine Unterschriftenaktion.
Was die Gefahr an der Bushaltestelle noch verstärkt, ist die Tatsache, dass nicht ein einziges Schild die Autofahrer darauf hinweist, mit die Fahrbahn überquerenden Fußgängern rechnen zu müssen. Obernsees ist allerdings kein Einzelfall. Im Landkreis gibt es viele solcher Haltestellen, die unbeleuchtet und hinweislos an stark und schnell befahrenen Bundes- und Staatsstraßen liegen. Dabei gibt es Möglichkeiten, Verkehrsteilnehmer zu warnen. Unter anderem, so Baudirektor Reinhard Oestreicher, Leiter des Bayreuther Straßenbauamtes, entsprechende Hinweisschilder. Für einen ampelgeregelten Fußgängerüberwerg sieht Oestreicher keine Chance.
Die Kreuzung stelle keinen Unfallschwerpunkt dar, die Zahl der Fußgänger sei zu gering. Deshalb sei nach den beiden Ortsterminen im Jahre 1994 auch nichts mehr passiert bezüglich einer Überquerungshilfe.
Diese Meinung vertritt auch Norbert Diehl, Abteilungsleiter beim Landratsamt. Zwar sei eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 60 Stundenkilometer wie in Truppach möglich, aber nicht notwendig, da es sich nicht um einen Unfallschwerpunkt handle. Das gelte für ein Überholverbot.

Wie potenzielle verkehrstechnische Gefahrenpunkte an Bushaltestellen baulich entschärft werden können, dazu kann Reiner Kücheler als Sprecher der Polizeidirektion Bayreuth keine Auskünfte erteilen. Hier stünden die Gemeinden und Landratsämter in der Verantwortung, erklärt er.

Was der Polizeisprecher allerdings kann, ist Tipps und Ratschläge für Fußgänger und Autofahrer zu geben, um das Unfallrisiko zu minimieren. Dazu stand er gestern im Gespräch mit dem KURIER Rede und Antwort.

Kücheler, der betont, seine Anregungen nicht als Schuldzuweisungen verstanden wissen zu wollen, appelliert an die Fußgänger, Fahrbahnen, so weit vermeidbar, nicht zu überschreiten. Ansonsten gelte es darauf zu achten, auf keinen Fall in der Mitte der Fahrbahn stehen zu bleiben. Für besonders wichtige hält der Experte gerade in der momentanen lichtarmen Jahreszeit den Ratschlag, auf dunkle Kleidung zu verzichten. Autofahrern werde bei ohnehin schon diffusen Lichtverhältnissen vor allem durch die feuchte Witterung und dementsprechend spiegelnde Fahrbahnen die Sicht erschwert.
Gute Dienste, um rechtzeitig erkannt werden zu können, leisten Reflektoren, wie sie in einigen Jacken und Schulranzen integriert sind, so Kücheler. Darüber hinaus gebe es auch die Möglichkeit der Nachrüstung auf entsprechende Modelle in Ansteckerform.
Mit Blick auf die Teenagergeneration mahnt Kücheler: "Die Reflektoren mögen zwar nicht 'cool' aussehen, dafür können sie aber Leben retten und außerdem bei Bedarf wieder abgenommen werden."
Ältere Leute sollten nach Meinung des Polizeisprechers Vorbilder sein für die Jugend und sich dementsprechend verhalten. Bei kleineren Kindern sei stets zu beachten, dass sie durch ihren Blickwinkel eine ganz andere Wahrnehmung von Entfernung und Geschwindigkeit hätten.

Kücheler kritisierte den Umstand, dass erst immer etwas passieren muss, bevor sich die Menschen an Ratschläge erinnern, "die sie im Prinzip schon tausendmal gehört haben".

An die Adresse der Autofahrer gab Kücheler den Rat, Scheibenwischer und Abblendlicht auf ihre Tauglichkeit hin zu überprüfen. Der Umstand, dass es im Winter morgens, wenn der Berufsverkehr startet und auch die Busse ihre Stoßzeiten erleben, noch dunkel ist, verlange jedem Fahrzeugführer erhöhte Aufmerksamkeit ab.

ub