Taten statt Tote

Thema: Unfalltod

Es scheint so, als hätten Obernseeser das Unglück vom Donnerstag kommen sehen. Schon vor zehn Jahren haben viele davor gewarnt, dass es auf der Staatsstraße vor ihren Türen eines Tages Opfer geben wird. Mit ihren Befürchtungen standen die Anlieger nicht allein, denn Probleme mit ausgebauten Straßen, die sich zu menschenfeindlichen Rennstrecken entwickeln, gibt es häufiger in der Region.
Vielerorts, so scheint es, ist der fließende Verkehr wichtiger als das Leben und die Gesundheit der an Verkehrsadern lebenden Menschen. Das Auto hat nach wie vor einen hohen Stellenwert. Staus werden hingenommen, als wären sie ein Naturereignis, die Priorität des Automobils ist selbstverständlich. Freie Fahrt den freien Bürgern. Während Autos auf der einen Seite immer umweltgerechter wurden, wuchsen andererseits die PS-Zahlen. Die völlig irrationale Folge: Auf der einen Seite Öko, auf der anderen Tempo. Und die offizielle Politik bilanziert in der Lösung von verkehrstechnischen Problemen immer noch eindeutig zugunsten des motorisierten Individualverkehrs.
Die Straßenplaner haben das folgerichtig nachvollzogen. Allzu gern sprechen sie von der Erschließung des Raumes, der die breiten, so genannten leistungsfähigen Straßen braucht. Offenbar ist der reibungslose Fluss des Verkehrs zum Glaubensbekenntnis der Behörden geworden.
Zu wenig Fußgänger für eine Ampel an der Unfallstelle, Tempobegrenzung rechtlich nicht vertretbar und ein Zebrastreifen nur im Ort möglich, lauteten daraufhin die Argumente aus dem Landratsamt unter Bezug auf die Fachbehörden.
Was ist das für ein Recht, das den fließenden Verkehr schützt und den Menschen nicht berücksichtigt?
Das Unglück von Obernsees kann sich täglich überall wiederholen. Diejenigen, die sich trotzdem zurücklehnen und juristische Argumente für die Gnädigkeit des Verkehrs bemühen, bewahren sehenden Auges den gefährlichen Status quo. Es ist zynisch, zu argumentieren, in dem Bereich wäre außerdem noch kein vergleichbarer Unfall passiert.
Klar, wir leben in einem Rechtsstaat, der auch Ampeln und Zebrastreifen regelt. Doch auch das Recht darf sich nicht gegen den Menschen richten.
Zehn Jahre lang forderten die Obernseeser mehr Sicherheit an der Staatsstraße. Sie fanden Gehör, aber keine Taten. Dass erst ein 16-jähriges Mädchen sterben muss, bis etwas geschieht, ist ein hoher Blutzoll.
Die Behörden müssen den berechtigen Wünschen der Bürger künftig mehr Beachtung schenken. Der Blick aus der Nähe erkennt meistens mehr als der Blick aus einer fernen Amtsstube.
Heute Betroffenheit und morgen wieder Schulterzucken? Das geht nicht.

Udo Bartsch